Veröffentlicht am Mi., 1. Mär. 2017 13:09 Uhr

Auf dieser Seite finden Sie eine Rundfunkandacht von Superintendentin Beate Hornschuh-Böhm.
(Foto: Rolf Zöllner)

Andacht vom 26. Januar 2015

Worte für den Tag - Worte auf den Weg (rbb)
von Beate Hornschuh-Böhm
Montag, 26. Januar 2015

Was ist der Mensch? Ist er die Krone der Schöpfung oder vielmehr ein Ungeheuer? Ist er edel, hilfreich und gut oder jeder Mensch dem anderen ein Wolf?

Der Berliner Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre hat dazu eine kleine Geschichte geschrieben, die sich wie ein Gleichnis zu dieser Frage verstehen lässt: Zwei Schwerkranke liegen im selben Krankenhauszimmer. Der eine mit seinem Bett an der Tür, der andere mit Blick aus dem Fenster. Der an der Tür wünscht sich sehnlich den Fensterplatz. Das bedrückt den am Fenster Liegenden. Um den Anderen zu entschädigen, erzählt er ihm täglich stundenlang, was alles draußen zu sehen ist. Eines Nachts bekommt der Patient am Fenster einen Erstickungsanfall. Nun müsste sein Zimmernachbar an der Tür die Schwester rufen. Doch das tut er nicht. Er denkt nur an den Fensterplatz. Am Morgen ist der andere tot. Sein Platz wird geräumt, und der Patient an der Tür rückt nun ans Fenster. Sein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Erwartungsvoll schaut er hinaus. Und was sieht er? Nichts, nur eine Mauer.

Zwei Menschen, so erzählt die Geschichte, teilen dasselbe Zimmer und dasselbe Schicksal als Patienten und gehen doch ganz verschieden damit um. Hilfreich, aber vergeblich um seinen Zimmernachbarn bemüht der eine. Krankhaft neidisch bis zur tödlichen Konkurrenz der andere. Das Gute und das Böse, das Mitgefühl und die Gier liegen in uns offenbar dicht beieinander.

Die Weisheit der Religionen kennt diese Ambivalenz der menschlichen Seele. Und sie hat einen Maßstab dafür gefunden, wie wir uns trotz der Abgründe dennoch im liebevollen Umgang miteinander üben können. Jesus von Nazareth übernimmt diesen Maßstab und lehrt: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch. Das ist die Zusammenfassung aller Schriften und Gebote.“ Mehr zu wissen als diese eine Goldene Regel ist nicht nötig. Sie reicht als Anleitung für ein mitfühlendes Leben. Denn sie zeigt, wie es möglich ist, sich in den Nächsten hinein zu versetzen und die Welt mit seinen Augen zu sehen, zu spüren, was der andere sich wünscht und was ihm gut tut. Dazu braucht es ein offenes Herz und Fantasie, die notfalls auch aus einer Mauer blühende Landschaften macht.


Wolfdietrich Schnurre, Der Schattenfotograf; zitiert nach: Klaus Eulenberger, Der eine Gott in tausend Sprachen, ebv-Verlag Hamburg, 2008, S. 15f.

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