Veröffentlicht am Sa., 14. Nov. 2020 09:15 Uhr

Auf dieser Seite finden Sie Rundfunkandachten von Superintendentin Beate Hornschuh-Böhm.
(Foto: martin.bahr[at]piqx.de)

Andachten für die Woche vom 9. bis 14. November 2020

Worte für den Tag - Worte auf den Weg (rbb)
von Beate Hornschuh-Böhm

Samstag, 14. November 2020

Es ist der shooting star unter den Wörtern des Jahres 2020: CORONA. Noch vor wenigen Monaten verbanden bestenfalls Eingeweihte mit diesem Namen eine ausländische Biersorte. Heute plappert unser dreijähriger Nachbarsjunge das Wort munter vor sich hin und hat seine helle Freude an den langen Vokalen, den O-s und dem A. Corona, die Krone. Was für ein klangvoller Name für ein scheußliches Virus, dessen Abbild gar nicht einmal aussieht wie eine Krone. Den Tennisball mit den schmalen Tulpen darauf, der täglich im Fernsehen die Nachrichten begleitet, haben Graphiker zur besseren Anschaulichkeit erfunden. Da nehmen wir nun ein schönes Wort für einen hässlichen Inhalt und dazu ein Bild, das nicht passt.  Höchste Zeit für eine Ehrenrettung von corona, der Krone, ist sie ursprünglich doch ein Zeichen für Glanz, Ruhm und Würde!

In der Bibel finde ich beim Weisheitslehrer Jesus Sirach den wunderbaren Satz: „Eine reiche Erfahrung ist die Krone der Alten.“ Eine Krone also nicht für Prinzessinnen und Hochadel, sondern für alte Menschen. Und reich, so der Weisheitslehrer, machen auch nicht Wohlstand und Vermögen, sondern ein großer Schatz an Lebenserfahrung. Wohl gemerkt, damit sind nicht die selbstgefälligen Erinnerungen oder besserwisserischen Belehrungen gemeint, mit denen Ältere gelegentlich die junge Generation behelligen. Der Reichtum an Lebenserfahrung ist vielmehr die im Laufe der Zeit gewachsene Sammlung von Erlebnissen und Einsichten. Sie ermöglicht mit den Jahren Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Je älter ein Mensch wird, desto mehr kann er erzählen von den Höhen und Tiefen des Daseins, von den Anstrengungen, die es kostet, mit widrigen Umständen fertig zu werden und dabei die eigenen Grenzen anzunehmen. Ältere wissen, wie es sich anfühlt, an Gräbern zu stehen. Aber auch, wie schön es ist, nicht einsam alt zu werden. Sie verstehen aus eigener Erfahrung, warum in diesen Wochen voller Einschränkungen und Rücksichtnahmen auch junge Menschen Verständnis und Empathie brauchen.

Corona wird irgendwann ein Ende haben. Wie schön wäre, es, wenn wir dann alle einen reichen Schatz an Erfahrungen gesammelt hätten. Das würde uns gut stehen – fast so wie eine Krone.


Freitag, 13. November 2020

Die Bundeskanzlerin spricht von Unheil, andere sogar von Schicksal, wenn die Rede auf die Pandemie kommt, das große Ereignis, das die ganze Welt erschüttert und unseren Alltag durcheinander bringt. Natürlich wissen wir inzwischen viel Hilfreiches über die möglichen Auslöser der Infektion und wer besonders geschützt werden muss, ebenso über sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen und die Hoffnung auf einen Impfstoff. Aber es bleibt das Gefühl, wie verletzlich unser Leben im Grunde ist. In einer Gesellschaft, die auf die Absicherung aller Risiken, auf das beständige Weitermachen und Funktionieren setzt, macht sich Unsicherheit breit. Das heimtückische Virus kann jeden treffen, Präsidenten und Minister genauso wie indische Wanderarbeiter und den eigenen Kollegen. Es unterscheidet nicht zwischen Hautfarbe und Herkunft. Das ist die Erfahrung, die das alte Wort Schicksal meint.

Vom Umgang mit dem Schicksal erzählt auch eine kleine Geschichte aus dem Neuen Testament. Ein Turm war eingestürzt und hatte achtzehn Menschen unter sich begraben. Die Bewohner der Stadt sind aufgewühlt. Warum hat es ausgerechnet diese Leute getroffen? Haben sie nicht genug aufgepasst? Ist ihr Tod vielleicht sogar Strafe für eine heimliche Schuld? In ihrer Ratlosigkeit kommen sie zu Jesus. Der aber hat keinerlei Interesse an der Suche nach Ursachen oder Schuld. „Fragt nicht, womit haben die armen Opfer dieses Schicksal verdient,“ antwortet er, „sondern fragt lieber: wozu will es euch dienen?“ Es liegt nicht bei uns, welches Schicksal uns zu Teil wird, sagt Jesus.  Aber es liegt bei uns, wie wir mit seiner Herausforderung umgehen. Es ist uns auch nirgendwo versprochen, dass immer alles gut und glücklich und nach unseren Wünschen verläuft. Die größte Anmaßung unserer Zeit ist wohl der Glaube, wir hätten das Leben selbst in der Hand. Die weltweite Pandemie hat diesen Glauben erschüttert. Sie öffnet uns die Augen für unsere Grenzen und unsere Verletzlichkeit. Und sie zeigt uns, wie sehr wir alle miteinander angewiesen sind auf Rücksicht, Zusammenhalt, Empathie und Vertrauen. Ob wir die Pandemie nun Unheil oder Schicksal nennen, wir entdecken, wozu sie uns helfen kann: menschlich zu werden.


Donnerstag, 12. November 2020

Das Bild habe ich in einer Ausstellung in Potsdam entdeckt. Alfred Sisley hat es gemalt, ein Künstler des französischen Impressionismus. Eine ländliche Gegend stellt es dar, in strahlenden Sonnenschein getaucht. Schon beim Betrachten habe ich das Gefühl, ich könne die wohlige Wärme der Sonne auf meinem Körper spüren. Wie die beiden Gestalten in der Mitte des Bildes, ein Mann und eine Frau. Sie stehen auf einem grünen Feldweg, entspannt ins Gespräch vertieft. Das Dorf im Hintergrund mit den einfachen Häusern und dem hohen Kirchturm leuchtet unter dem weiten blauen Himmel. Weiße Wölkchen treiben über ihn hin. Alles in der Natur trägt kräftige Farben: blau und grün, rosa, gelb und braun. Ich kann mich von ihrem Anblick kaum trennen. Wie wohl tun die hellen bunten Farben den Augen gerade jetzt, wenn wir uns wieder an die frühe Dunkelheit und den trüben Himmel gewöhnen müssen.

Doch Alfred Sisley hat in seinem Werk gar nicht den Sommer festhalten wollen, er hat vielmehr ein Novemberbild gemalt. Denn auch das ist zu sehen: Bäume und Sträucher recken ihre kahlen Äste in die Luft. Die braunen Felder vor dem Dorf sind abgeerntet, und in ihren tiefen Furchen glitzert dünnes Eis. Wo der Schatten hinfällt, bedeckt frostiger Reif den Boden. „Raureif“ hat der Maler sein Bild auch genannt und fügt hinzu: „Martinisommer“.  Er meint damit die letzte Schönwetterphase im Jahr, die mitten im November vorkommen kann, rund um den Martinstag. Sie beschert dem Herbst noch einmal milde Temperaturen und die letzten warmen Tage, bevor endgültig die dunkle Jahreszeit beginnt.

Martinssommer, was ist das doch für eine freundliche Laune der Natur! Eine Zwischenzeit voll Wärme und Licht auf der Schwelle zum Winter. Und eine Erinnerung an das alte Versprechen aus der Bibel: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Worte, hinter denen eine Gewissheit steht: Sie sind nur verborgen, die Farben und das Licht, die Helligkeit und der Sommer. Sie werden wiederkommen. Genauso wie die Leichtigkeit des Lebens, das Gespräch ohne Abstand und der spontane Ausflug aufs Land. Bis dahin brauchen wir noch Geduld und können uns freuen an den Bildern und Erinnerungen, die vom Sommer erzählen.


Mittwoch, 11. November 2020

Es ist diese eine Szene, die ihn zum Heiligen der Herzen gemacht hat. Martinus, Soldat im Dienst des römischen Kaisers Konstantin, kommt eines Winterabends zum Tor von Amiens, einer Stadt in Frankreich. Dort sitzt ein Bettler und fleht um eine Gabe. Doch niemand achtet auf ihn, nur Martinus hält sein Pferd an. Er trägt selbst nichts bei sich außer seinem Schwert und einem weiten Mantel, der ihm am Tag als Regenschutz und nachts als Decke dient. Martinus teilt den Mantel in zwei Hälften und reicht dem Bettler eine davon. In der folgenden Nacht erscheint ihm Christus im Traum in der Gestalt des Bettlers, eingehüllt in die Mantelhälfte.

Es ist eine der schönsten Geschichten der christlichen Nächstenliebe. Sie hat aus Martinus, dem Krieger, den heiligen Martin, den Streiter der Barmherzigkeit, gemacht. Unzählige Kinder tragen seither seinen Namen, tausende Kirchen und Klöster sind nach ihm benannt. Schade nur, dass aus den acht Jahrzehnten seines Lebens wenig von seinem weiteren Wirken als Mönch und Missionar, als Abt und Bischof bekannt ist. Einmal, so geht eine Geschichte, wird Martin an den Hof des Kaisers eingeladen. Ein neuer Herrscher hat den Thron bestiegen, ein gewissenloser, eitler Mensch, der mit seinen Grausamkeiten prahlt und sich in den Schmeicheleien von Fürsten und Bischöfen sonnt. Doch Martin weigert sich, zu kommen. Er könne nicht, lässt er ausrichten, am Tisch eines Mannes Platz nehmen, der anderen Menschen Besitz und Leben nehme. Eines Tages aber muss er seinen Widerstand aufgeben. Er braucht die Fürsprache des Kaisers für einen zu Unrecht angeklagten Mönch, und so erscheint er zur Freude des Kaisers in Begleitung eines Gehilfen im Palast. Zur Begrüßung reicht man ihm einen Becher, den er - so will es die Vorschrift - ehrerbietig dem Kaiser anbieten soll. Martin aber nimmt selbst einen kräftigen Schluck und reicht den Becher zum Erstaunen der Gäste weiter an seinen Gehilfen. Er sähe nicht ein, erklärt er, warum einem Kaiser mehr Ehre gebühre als seinem Gehilfen. Darauf weiß selbst der Kaiser nichts mehr zu erwidern.(1)

Barmherzigkeit mit den Armen und Zivilcourage machen heute aus Martin einen aktuellen Heiligen. Am 11. November 397 wurde er in Tours begraben.

(1) Zitiert nach: Joachim Drumm (Hg.), Martin von Tours, Kevelaer 2018


Dienstag, 10. November 2020

Als neulich Deutschlands derzeit wohl bekanntestem Virologen, Christian Drosten, das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, begründete der Bundespräsident die Ehrung nicht nur mit der wissenschaftlichen Leistung des Forschers, sondern vor allem mit der guten Kommunikation, mit der der Mediziner seine Erkenntnisse der Öffentlichkeit vermittelt. Mit klaren und verständlichen Worten gelinge es ihm, auch komplizierte Zusammenhänge anschaulich darzustellen. Die Auszeichnung sei eine Anerkennung für Faktentreue und Aufklärung gleichermaßen.

Hätte es damals schon ein Bundesverdienstkreuz gegeben, dann hätte auch er es verdient: Martin Luther. Heute vor 537 Jahren wurde der Reformator geboren. Wie kein anderer seiner Zeit hat er die Entwicklung der modernen deutschen Sprache befördert. Ob als Pfarrer oder Professor, als Liederdichter oder Bibelübersetzer – eine verständliche, wirkungsvolle Sprache war für ihn das wichtigste Werkzeug bei seinem großen Vorhaben, der Erneuerung von Glauben und Kirche. Eine alltagstaugliche Sprache sollte es sein, wie sie der Schuster in der Werkstatt, die Mutter im Haus und das Kind auf der Straße sprechen. Man muss dem Volk aufs Maul sehen und zuhören, wie es redet, war sein berühmtes Motto, das auch vor der Sprache des Himmels nicht haltmachte. Wer versteht denn schon, wetterte er einmal, was der Engel Gabriel gemeint hat, wenn er die Jungfrau Maria begrüßt mit den Worten „Du bist voll Gnaden“? Also entschied sich der Reformator für diesen sehr lebensnahen Vergleich: Muss man da nicht unwillkürlich an ein volles Fass Bier denken oder an einen Beutel voller Geld, wo doch der Engel einfach nur sagen will: „Sei gegrüßt, du liebe Maria“? (1)

Oft suchte Luther tagelang nach einem passenden Wort für die sinnvollste Übersetzung. Und wenn es keines gab, erfand er einfach ein neues. Feuereifer und friedfertig zum Beispiel, oder Nächstenliebe und Morgenland sind seine Sprachschöpfungen.

Die Öffentlichkeit mit klaren Worten informieren, sie überzeugen und zur eigenen Meinung anregen, das verbindet den alten Reformator aus Wittenberg mit dem modernen Mediziner aus Berlin. Beide stehen dafür, dass die Liebe zur Wahrheit und eine verständliche Kommunikation immer noch die besten Mittel gegen jede Form von Halbwissen und Verschwörungsphantasien sind.

(1) Zitiert nach: Ein Sendbrief vom Dolmetschen (1530), Luther Deutsch, Bd. 5, S. 86


Montag, 9. November 2020

Heute ist ein besonderer Tag. Der 9. November erinnert gleichzeitig an schreckliche und schöne Ereignisse in unserem Land. Zum einen an die furchtbare Nacht vor 82 Jahren, den Beginn der Pogrome gegen Juden. Damals wurden Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte geplündert und Wohnungen zerstört, Juden geschlagen und verhaftet. Viele Nachbarn sahen weg.

Zum anderen erinnert der 9. November an den überwältigenden Jubel in der Nacht vor 31 Jahren, als sich die Berliner Mauer öffnete. Endlose Schlangen von Trabbis stauten sich in den Straßen, Hupkonzerte tönten durch die Nacht, wildfremde Menschen aus Ost und West lagen sich lachend in den Armen. Die friedliche Revolution hatte gesiegt.

Beides ist lange her. Die Zahl der alten Menschen, die noch persönliche Erinnerungen an die grauenvollen Ereignisse von 1938 haben, wird von Jahr zu Jahr kleiner, und viele junge Leute kennen sogar die Maueröffnung nur noch als ein Kapitel aus dem Geschichtsbuch. Heute bestimmen andere Themen das öffentliche Leben. Neben Klimawandel und einer weltweiten Pandemie verblassen die Ereignisse des 9. November und erstarren immer mehr in offiziellen Gedenkritualen und Sprachformeln.

Aber Erinnerung ist nötig, und sie ist mehr als pure Rückschau. Sie schärft die Wahrnehmung dafür, woher wir kommen und wer wir sein wollen. Wenn heute wieder Juden auf offener Straße beschimpft und bedroht, Synagogen mit Hundekot beschmiert und Mahnmale beschädigt werden, dann wissen wir, dass damals mit der Gewöhnung an derartige Angriffe die Vernichtung des jüdischen Lebens in unserem Land begonnen hat. Der Protest gegen diese Anfänge ist für unsere Zukunft genauso entscheidend wie die Sorge um die Zerstörung der Natur. Und wir brauchen auch die Erinnerung an den grenzenlosen Jubel am Abend der Maueröffnung. Sie stärkt das Vertrauen auf Veränderungen, wie sie damals geschahen und von denen am Morgen noch niemand zu träumen gewagt hatte.

Heute ist der 9. November. Ein Tag, der besonders bleibt mit seiner Erinnerung an Entsetzen und Euphorie, an Trauer und Freude.


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